Der Weihnachtswind

Patricia Koelle: Der Weihnachtswind

Patricia Koelle: Der Weihnachtswind


Das Buch

Patricia Koelle
Der Weihnachtswind

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-01-2

Zauberhafte Geschichten – nicht nur – für die Weihnachtszeit!

Nicht die großen Geschenke sind es, die einem Leben eine neue Wendung geben oder einen Weihnachtstag unvergesslich machen. Es sind die unerwarteten, ungewollten oder vorerst unbeachtet gebliebenen, die ungewöhnlichen Gaben. Die Geschichten in diesem Buch erzählen davon.

Kurzbeschreibung: Der Weihnachtswind öffnet Maiko den Weg in ein neues Leben. Er weht Eiseskälte in ein Dorf und veranlasst Alwin, in höchster Not einen verstaubten Gegenstand aus dem Keller zu holen, der ihn unverhofft einen besonderen Heiligabend erleben lässt. Er treibt schimmernde Wellen durch den Hafen, in dem Sia ein Mensch begegnet, dessen ganz eigene Musik sie nie vergessen wird. Der Wind ist schuld daran, dass das Christkind einen Unfall hat, der dazu führt, dass Johanna wieder an es glaubt. Möglicherweise ist er sogar der Grund, dass sich ein Engel anders benimmt als alle anderen. Wie vom Wind hereingeblasen ist auch der unwillkommene Besuch, den Onkel Fietje erhält und der ihm schließlich doch beglückende Überraschungen beschert. Manche dieser Geschichten eignen sich zum Vorlesen, andere zum Nachdenken und Träumen. In ihnen weht etwas von dem alten Weihnachtszauber, den wir uns gelegentlich zurückwünschen. Ein Buch, mit dem man es sich an kalten Vorweihnachtsabenden gemütlich machen kann, wenn der Wind um die Häuser unterwegs ist und an den Fensterläden erzählt.

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Ein paar Leserstimmen aus der Amazon-Seite:

Patricia Koelles Geschichten entstehen in ganz alltäglichen Situationen, die wohl alle schon beobachtet oder gar erlebt haben und doch schafft es die Autorin, den Geschichten durch einfache, fast alltägliche Ereignisse eine überraschende Wendung zum Guten oder ins märchenhaft Gute zu geben ohne dabei sentimental zu werden.

Obwohl das Buch den Titel “Der Weihnachtswind” trägt, ist es ein Begleiter für das ganze Jahr!

Poetische Geschichten über ganz normale Menschen, die jenseits von Klischees durch unerwartete Begebenheiten plötzlich doch in die verschiedene Arten glaubwürdiger Weihnachtsstimmungen geraten. Eine echte Lesefreude in kalten Tagen.

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Auch erhältlich als eBook im epub-Format.
Patricia Koelle: Der Weihnachtswind (bei Pageplace)
Patricia Koelle: Der Weihnachtswind (bei Weltbild)

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Liljas Lichter

Patricia Koelle Der Weihnachtswind

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Patricia Koelle
Liljas Lichter


Es ist der Tag, an dem die Adventskalender und das Warten zu Ende sind. Doch seit Lilja das vierundzwanzigste Türchen geöffnet hat, hat dieser Tag tief eingeatmet und sich zu einem Berg aufgeblasen, so dass man nicht vom Mittag bis zum Abend sehen kann. Und über diesen Berg muss Lilja ganz alleine. Sie ist einsam heute, so einsam, dass es ihr Angst macht.

Lilja hat vier Geschwister. Alle sind älter als sie und können Dinge, von denen man ihr verspricht, dass sie sie auch können wird. Irgendwann. Wenn die Zeit so weit ist. Die Zeit ist ihr ein Rätsel und im Moment gehört sie nicht zu ihren Freunden.

Sie stellt sich die Zeit vor wie die schwarzen Schallplatten, die ihre Geschwister ständig auf der Maschine mit der spitzen Nadel abspielen. Sie darf sie nicht anfassen, wenn niemand dabei ist. Denn die Platten sind zerbrechlich. Genau wie die Zeit, in der ständig Dinge verschwinden und nicht wiederkommen, so wie das Vorlesen am Abend, das keiner mehr für nötig hält, seit Lilja lesen gelernt hat.

Mit den Platten kann man die Zeit auch messen. „Wenn die Platte zu Ende ist, musst du ins Bett“, sagt dann Sonja, ihre Schwester.

Das Komische ist, dass die Musik klingt wie Licht und Farben, aber die Schallplatten sind furchtbar schwarz, und sie bleiben auch schwarz, auch dann, wenn die Nadel arbeitet und die unsichtbare Musik findet und in die Luft wirft. Und wenn die Nadel in der Mitte angekommen ist, ist Stille, und von der Musik bleibt nichts übrig.

Lilja überlegt, was passiert, wenn sich die Zeit einmal zu Ende gedreht hat. Ist dann da auch nur noch Stille und das Loch in der Mitte? Doch ihr ganz großer Bruder Leo sagt, das wird nicht passieren, solange es Lilja gibt. Leo kann sie immer beruhigen, ganz gleich was passiert. Schon weil er so breite Schultern hat und sie hochheben kann, als wäre sie nur ein federleichtes Flaumknäuel, wie die Küken, denen sie im letzten Sommer beim Schlüpfen zugesehen hat. Mit Leo ist alles leicht.

Aber Leo ist nur noch selten da. Und auch Sonja und Lisa und Felix kleckern nur noch stundenweise durch Liljas Tage. Beim Essen bleiben immer mehr Stühle leer. „Die Großen haben zu tun“, sagt Liljas Mutter.

Lilja war einmal unartig, als Sonja und Lisa über ihre Hefte gebeugt saßen und sie einfach nicht beachten wollten. Die Nadel kratzte die Musik so laut aus der Schallplatte, dass sie Liljas Worte nicht einmal hören konnten. Da hat Lilja kleine Papierkügelchen auf die Platte fallen lassen. Sie wollte sehen, ob man die Zeit bremsen kann oder Dinge hineinmogeln. Doch die Papierkügelchen haben der Musik nichts ausgemacht. Sie sind einfach immer näher an den Rand gerollt und dann von der Platte geflogen, um in irgendeiner Zimmerecke zu verschwinden. Lilja hat sie gar nicht mehr wiedergefunden.

Die Zeit kann man also nicht beschummeln.

Und Lilja hat das Gefühl, dass Leo und Sonja und Lisa and Felix einer nach dem anderen aus ihrer Zeit fliegen und verschwinden werden – genau wie die Kügelchen.

Aber heute ist Weihnachten, und darum sind ausnahmsweise alle da, und Lilja ist eigentlich glücklich.

Trotzdem ist sie einsam, denn die Großen sind alle in ihren Zimmern und furchtbar damit beschäftigt, Dinge zu können und mit wichtigem Rascheln Geheimnisse einzupacken. Liljas Päckchen sind schon seit Tagen fertig. Sonja hat ihr dabei geholfen. Und nun hat sie nichts zu tun.

Sie hockt sich in ihr Puppenhaus. Das haben Leo und Sonja im letzten Jahr für sie gebaut, damit sie mit den Puppen spielen kann und nicht alleine ist, wenn die anderen aus der Zeit fliegen. Mit Puppen kann sie nicht viel anfangen, denn sie machen keine Fahrradausflüge mit ihr oder Wasserschlachten oder Schneemänner. Aber das Haus ist toll. Es ist gerade so groß, dass Lilja hineinkriechen und die Türen hinter sich zuklappen kann. Und weil sowieso nur Lilja hineinpasst, merkt sie da drin nicht so, dass sie alleine ist. Allerdings kommt kaum Licht herein, denn die Fenster sind klein.

Nun sitzt sie im Dunkeln, lauscht auf die eiligen Schritte draußen und die Stimmen aus den Zimmern, in die sie wegen der Geheimnisse nicht darf. Sie wartet darauf, dass der aufgeblasene Tag wieder ausatmet und sie den Abend sehen kann, in dem das Kerzenleuchten sein wird und das Lachen von allen, die wieder zusammen sind.

Sie zuckt zusammen, als Leos Stimme an der Puppenhaustür klopft. „Lilja, mach auf, hier ist etwas für dich, vom Christkind.“

„Jetzt schon?“

„Ja, das geht nicht später.“

Er hat einen Blumentopf in der Hand. In dem Topf wächst ein Tannenbaum, ein richtiger, echter Baum mit grünem Duft und pieksigen Nadeln. Er reicht Lilja bis zum Knie. „Du hast doch nachher keine Zeit für deine Puppenkinder, weil Weihnachten ist“, sagt Leo. „Deswegen müsst ihr jetzt euer Weihnachten feiern, und darum machen wir aus diesem Baum jetzt einen Weihnachtsbaum.“

Er hat eine winzige Lichterkette dabei und hilft Lilja, sie an den Zweigen zu befestigen, so dass die bunten Glaskerzen aufrecht stehen und jeder kleine Zweig eine bekommt.

Dann zieht Leo das Kabel durch das Küchenfenster vom Puppenhaus und steckt es in die Steckdose.

„Oh, wie schön!“, jubelt Lilja.

Leo überreicht ihr eine Schachtel. „Die Kugeln und Sterne musst du selber an den Baum hängen“, sagt er. „Es ist ja dein Weihnachtsbaum, und ich muss jetzt wieder dem Christkind helfen.“

Noch nie hat Lilja einen eigenen Weihnachtsbaum gehabt. Sie wusste gar nicht, dass sie so wichtig ist.

Die Puppenkinder sind nicht besonders interessiert an dem Baum. Aber für Lilja ist er fast das schönste, was sie je gesehen hat. Sie macht die Tür vom Haus wieder zu, und nun ist es nicht mehr dunkel, sondern leuchtet in allen Farben, und die Zweige flüstern Schatten an die Wand. Ehrfürchtig öffnet sie die Schachtel und hängt die zarten Glaskugeln an die Äste wie Seifenblasen.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.

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Die Überraschungskugeln

Patricia Koelle Der Weihnachtswind

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Patricia Koelle
Die Überraschungskugeln


Fietje Storrjohann stand da und kratzte sich am Kopf. Zweifelnd betrachtete er den Weihnachtsbaum, der so fremd in seiner niedrigen Stube stand wie ein nicht besonders willkommener Landstreicher, der nur eben kurz zum Aufwärmen hereingekommen ist. Draußen grölte ein Sturm und warf die dünne Schneedecke hin und her, als wälze sich darunter die Erde in einem sorgenvollen Schlaf.

Wie hergeblasen waren vor kurzem seine Großnichte Nadja und ihr merkwürdiger Freund vorbeigeschneit. Sie hatten den Baum von ihrem Autodach gezerrt und ihn umständlich in der Ecke aufgestellt. Zu allem Überfluss hatten sie ihn noch mit einer grellen Lichterkette und unverschämt dicken, knallroten Kugeln geschmückt.

„Du musst es doch auch weihnachtlich haben, Onkel Fietje!“, hatte Nadja gesagt, ihn heftig umarmt und ihm mitgeteilt, dass er im Sommer Urgroßonkel werde. „Und deswegen verreisen wir noch mal, ganz überraschend. Da können wir den Baum ja nicht gebrauchen“, erklärte sie. Ehe er zu Wort kam, waren sie wieder weg.

Fietje hatte seit einer Ewigkeit keinen Baum mehr in seiner Stube gehabt. Er machte sich einen Grog und versuchte, sich auf den Abendkrimi zu konzentrieren. Aber der Baum störte ihn. Es war, als stünde da jemand.

„Was mach ich nu mit dir?“ Fietje schaltete die Lichterkette aus. Doch das machte den Anblick trostlos, also montierte er sie ganz ab. Als er sie in einer Ecke in der Besenkammer verstecken wollte, fiel ihm ein Umschlag mit bunten, wertlosen Briefmarken in die Hand, die ihm einmal jemand zum Julklapp geschenkt hatte. Er schüttete den Umschlag auf den Tisch, feuchtete die Marken mit einem Schwamm an und klebte sie auf die dicken, einförmigen Kugeln. Nun gefielen sie ihm schon besser.

Kerzenhalter für den Baum fand er nicht mehr, also bastelte er welche aus Wäsche- und Büroklammern und befestigte fünf Bienenwachskerzen auf den Zweigen.

Jetzt ging es ihm besser, und er bekam noch mit, wer der Mörder gewesen war.

Am nächsten Tag war Heiligabend. Fietje drehte die Weihnachtsmusik im Radio auf, aß Plätzchen, die ihm die Hanna von nebenan gebracht hatte, und sah auf das Leuchten der Kerzen. Was war in diesem Jahr eigentlich so gut gewesen, dass die Kerzen einen Grund hatten, dermaßen zu strahlen? In letzter Zeit machte sich in seinen Erinnerungen ein Nebel breit, dessen immer dichteres Grau alles verschluckte, was vor kurzem gewesen war. Er konnte sich an die Rosinen in seiner Schultüte vor fünfundsechzig Jahren erinnern und an die braungebrannten Knie des Nachbarmädchens, mit dem er damals spielte, aber nicht an das, was er am Tag zuvor gegessen hatte. Er vergaß, was der Wetterbericht behauptete, und dass er mit den Skatbrüdern verabredet war. Was für ein Sommer es gewesen war, nasskalt oder trocken, wusste er nicht mehr.

Von dem ganzen Jahr schien nichts übrig geblieben zu sein, außer dass er eine Zahnlücke mehr hatte. Es machte ihm Angst. Vorsichtig streckte er die Hand nach der Wärme der Kerze aus. Sie tat ihm wohl.

Später pustete er die Kerzen sorgfältig aus und ging früh ins Bett, denn am ersten Feiertag war er mit Arno und Piet zum Skat verabredet. Diesmal vergaß er es nicht, weil er einen großen Zettel an den Kühlschrank geklebt hatte.

Arno polterte herein, zeigte auf die Kugeln und lachte herzlich. „Klasse, Storri, wenn du die nicht mehr brauchst, kannst du sie auf die Post bringen.“

Piet hatte weihnachtsgrüne Pistazieneiskrem mitgebracht. „War im Angebot“, erklärte er. „Ist ein bisschen viel, fünfundzwanzig Kugeln, aber der Rest kann bis zum nächsten Treffen in dein Eisfach. Du hast ja nie was drin.“

Sie gaben ihm einen Nachmittag voller Gelächter. Fietje vergaß den lauernden Nebel. Wie er andere Dinge vergaß. Aber er erinnerte sich an seine Jahre auf dem Krabbenkutter, von denen Piet und Arno, die jünger waren als er, erzählten.

Später an der Haustür klopften ihm beide herzlich zum Abschied auf die Schulter. „Na denn, Storri, auf dass das neue Jahr ein gutes wird!“ Die Winternacht verschluckte ihre nicht mehr ganz sicheren Schritte, nur Fetzen eines Seemannsliedes trieben noch zu Fietje hin, der Mühe damit hatte, die verzogene Tür zu schließen.

Ein ganzes neues Jahr. Ob das nicht zu viel für ihn war? Er schob die Zweifel beiseite und hoffte, dass der Nebel wenigstens auch sie verstecken würde.

An diesem Abend war er froh über die Gesellschaft des Weihnachtsbaums. Sie hatten sich aneinander gewöhnt.

Als er am nächsten Morgen die Küche aufräumte, fand er die Verpackungen der Eiskrem. Sie war in lauter einzelnen Kugeln aus durchsichtigem Plastik gewesen, die an der Seite aufklappbar waren. Praktisch. Er spülte die Kugeln ab und hob sie auf, denn er war ein sparsamer Mann und sammelte fast alles, was brauchbar erschien.

Silvester kam und Neujahr und die Rechnung über die Heizkosten, und Ende Januar erschreckten ihn schon die ersten Ostereier im Supermarkt.

Fietje hatte den Weihnachtsbaum abgeschmückt und in eine Ecke des Gartens gestellt, aber er brachte es nicht fertig, ihn zu zerhacken und dem Holzstapel einzuverleiben. Denn er fand, der Baum sähe noch immer grün aus. Sicher, er wirkte ein klein wenig müde, so wie Fietje sich fühlte. Die Nadeln waren krumm geworden wie er selbst, aber nur wenige waren von den Zweigen gefallen. Fietje gewöhnte sich an, ab und zu ein einseitiges Schwätzchen mit dem Baum zu halten. Er berichtete ihm dieses und jenes. Vielleicht blieb der Baum deshalb grün, weil er Zeuge von Fietjes Leben sein durfte. Nur wusste Fietje am nächsten Tag meist nicht mehr, was er ihm erzählt hatte. Das bekümmerte ihn.

„Gut, dass du mich nicht auslachen kannst“, sagte er düster zu dem Baum und entdeckte plötzlich ganz unten in den dichten Zweigen eine vergessene rote Kugel. Als er sie in die Kammer räumte, fand er eine Idee.

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Alwins Erbe

Patricia Koelle Der Weihnachtswind

Patricia Koelle Der Weihnachtswind

Patricia Koelle
Des alten Alwins Erbe


Elfi Wiese nippte vorsichtig an ihrem heißen Kakao und sah gedankenverloren in das eilige Schneetreiben vor dem Küchenfenster. Endlich Wochenende! Jeden Tag von morgens bis abends das harte, leere Weiß der endlosen Mengen von Laken und Tischtüchern in der Wäscherei – und jetzt auch noch Schnee auf dem Rest ihrer Welt. Sie sehnte sich nach Farben. Zum Glück leuchteten wenigstens der Weihnachtsmann im Fenster gegenüber und der Engel in ihrem eigenen Blumenkasten bunt durch die Dämmerung.

Draußen wehte mit den Schneeflocken eine hochgewachsene, schlanke Gestalt vorbei, in einen großzügigen Schal geduckt. Elfi erkannte ihn trotzdem sofort, verschluckte sich fast und seufzte. Seltsamerweise hatte sie stets das Gefühl, dass ausgerechnet ihr eigenbrötlerischer Nachbar Alwin Schnobrich Farbe in ihr Leben bringen könnte. Er trug zwar selbst meist Schwarz oder Grau, aber schon der Anblick seiner grünen Augen und der kurzen feuerfarbenen Locken heiterte sie aus irgendeinem Grunde auf. Nicht dass sie ihn oft sah. Alwin Schnobrich zog seine eigene Gesellschaft und die von Maschinen vor. Er arbeitete in einer Computerfirma. Wenn er nach Hause kam, setzte er sich sofort an seinen eigenen Rechner. Sie sah dann im hellen Viereck des Fensters, wie seine Finger eifrig über die Tastatur flogen und sein Blick auf dem Monitor haftete, als höre für ihn die Welt an dessen Rande auf. Allerdings half er seinen Nachbarn bereitwillig, wenn bei ihnen der PC einmal streikte. Doch auch dann kam er, machte keine Konversation, trank keinen Kaffee, reparierte und ging. Elfis alte Kiste versagte häufig den Dienst. Er empfahl ihr eine neue. Doch dann hätte sie Alwin und das versteckte Blitzen in seinen Augen nur noch vor dem Fenster zu Gesicht bekommen. Das genügte ihr nicht.

Er war doch viel zu jung, um so allein zu sein. Genau wie Elfi.

Wahrscheinlich lag es an seinem berüchtigten Großvater, nach dem er auch noch benannt worden war, dass Alwin so zurückgezogen lebte. Jeder, der in dem kleinen Torfenlohe über fünfzig war, erinnerte sich mit Schaudern an den alten Alwin Schnobrich. Er war der unnachgiebig strenge Leiter der damals einzigen Schule gewesen. Man sagte, wenn er tobte, verwandelten seine Worte die leichten weißen Schäfchenwolken am Himmel in schwere, zu grauen Fäusten geballte, von welchen die Schüler sich vorstellten, sie könnten wie Steine auf ihre Köpfe herabprasseln. An dem Frühlingstag, als im Geographieunterricht mit einer Papierkrabbe auf Alwin Schnobrichs Rücken geschossen wurde – verfehlen konnte man ihn ja nicht, er war breit wie der Horizont –, fiel tatsächlich unerwarteter Hagel. Sämtliche Obstbäume erschauerten und verloren ihre Blüten. Die wenigen Äpfel, die es in jenem Jahr gab, blieben so klein, als duckten sie sich im Herbst immer noch vor dem kalten Wind seiner Worte. Diese gefürchteten Donnerwetter des Direktors Schnobrich, der zu allem Überfluss zwei Meter eins groß war, hatte niemand je vergessen. Am allerwenigsten wohl Alfred Schnobrich, sein Sohn und des heutigen Alwins Vater. Alfred überschrieb kurz nach des alten Alwins plötzlichem Ableben das Häuschen an den jungen Alwin und verlegte sein eigenes Dasein nach Südafrika. Im Dorf Torfenlohe, so sagte er, ginge das gewaltige Echo seines Vaters noch immer durch die Straßen und er wolle nichts mehr damit zu tun haben. In Afrika fand er eine junge Frau, die ihn manches vergessen ließ, zumal er nach dem frühen Tod von Alwin Juniors Mutter sehr lange allein gewesen war. Nie hätte er zugegeben, dass auch in den heißen, fremden Nächten, wenn er auf der Veranda saß und fragend in den gewaltigen Sternenhimmel blickte, der erboste Bass des alten Alwin gelegentlich schneidend durch sein Ohr huschte und ihn frösteln ließ.

Der junge Alwin hörte kein Echo, doch auch er spürte manches Mal im Haus eine Kälte, die nicht von draußen kam. Er konnte sich jedoch an seinen Großvater nicht erinnern. Zum Glück trug ihm auch keiner seinen Namen nach. Es erstaunte die Menschen eher, dass er ein so ruhiges Wesen hatte. Sie waren dankbar dafür.

Vor zwei Jahren war er zum einzig bekannten Mal beinahe zornig geworden. An jenem Dezembertag hatten Elfi und ihre Mutter einen Weihnachtsbaum nach nebenan gebracht, um Alwin eine Freude zu machen. Doch der lehnte es ab, den Baum über seine Türschwelle zu lassen. „Ich mag Weihnachtsbäume überhaupt nicht! Sie haben keine Wurzeln und sie tragen keine Blüten“, sagte er und streckte abwehrend beide Hände aus. Dabei erschien eine strenge Falte zwischen seinen Brauen, von welcher Elfis Mutter später erschrocken schwor, es sei dieselbe, die sie nur allzu oft beim alten Alwin gesehen hatte, wo sie ganz und gar nichts Gutes bedeutete.

Elfi gab so schnell nicht auf. Im letzten Jahr hatte sie es mit einer langen Lichterkette versucht, die sie beim Julklapp doppelt bekommen hatte. Alwin hatte sie höflich entgegengenommen, aber weder in jenem noch in diesem Jahr an den Zaun oder die Dachkante gehängt. Sein Haus stand als einziges im Schilfgrasweg dunkel und schmucklos in der vorweihnachtlichen Winterdämmerung.

Doch Alwin Schnobrich wagte es, in diesem Dorf, in dem jeder über jeden Bescheid wusste, ein Geheimnis zu haben. Sicher, Elfi und die anderen Nachbarn sahen die großen Kartons, die manches Mal in der Nummer siebzehn, Schilfgrasweg, angeliefert wurden. Aber man wusste ja, dass Monitore und Gehäuse und dergleichen Computerzubehör Platz brauchen und gut verpackt sein müssen. So gab es keinen Grund, sich zu wundern.

Die Reihenhäuser im Schilfgrasweg besaßen einen schlichten, aber geräumigen Anbau, welcher Platz bot für Schubkarren, Rechen, Hacken, Spaten und Unkrautvernichter. Im Winter war es eisig darin und im Sommer erstickend heiß, und meistens hatte sich die eine oder andere Mäusefamilie durchgefressen und in den Liegestuhlkissen häuslich niedergelassen. Doch Alwin Schnobrich hatte unauffällig hier eine Lüftungsklappe eingebaut und dort eine kleine Heizung, die ansprang, wenn die Temperatur unter fünf Grad fiel. Er zimmerte Holzpodeste in verschiedener Höhe und versteckte unter einem davon die Gartengeräte. In Alwins Garten gab es nur eine Rasenfläche, auf der Gänseblümchen, Klee und Löwenzahn ungestört Sommerbilder malten oder unter dem Schnee schliefen, sowie eine großzügige Terrasse. Diese war von einer so hohen Hecke umgeben, dass niemand hineinsehen konnte. Der alte Alwin hatte sie angepflanzt, und sie war heute noch ebenso streng und unnachgiebig wie er. Was der junge Alwin auf der Terrasse trieb, wusste also niemand. Man nahm an: nichts.

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Patricia Koelle Der Weihnachtswind
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Weihnachtsgeschenk

Patricia Koelle Der Weihnachtswind

Patricia Koelle Der Weihnachtswind

Patricia Koelle
Ein ungewöhnliches Geschenk


Philip Ahrens ließ zum letzten Mal die schwere Tür hinter sich zufallen, die seit fünfundvierzig Jahren je nach Wetter mal heiser, mal hoch quietschte, als sei sie im Stimmbruch. Mit diesem Geräusch hatte stets sein Arbeitsalltag begonnen und geendet. Nun endete ein Lebensabschnitt damit. Jetzt war er Pensionär. Langsam überquerte er den Hof, dessen Kopfsteinpflaster sich über die Jahre unter Frösten und unzähligen Schritten immer mehr Senken und Beulen angeeignet und an den schlimmsten Stellen Asphaltpflaster verpasst bekommen hatte, als müsse man Wunden schließen.

„Tschüß, Herr Feldtmann“, rief er dem Pförtner zu, der an der Parkplatzschranke in seinem Wachhäuschen neben einem winzigen künstlichen Weihnachtsbaum saß und am Bleistift kaute. Herr Feldtmann ließ kein Preisrätsel in der Tageszeitung aus und träumte immer noch davon, eine Kreuzfahrt ans Nordkap zu gewinnen.

„Schönes Wochenende, Herr Ahrens“, rief der Pförtner zurück. Er hatte keine Ahnung, dass er Philip nie wiedersehen würde. Woher auch. Philip wollte es ihm nicht sagen. Es hätte den Abschied noch endgültiger gemacht. Aber eines wollte er jetzt doch noch wissen, sonst würde er es nie erfahren. Also kehrte er um und lehnte sich zu der offenen Glasklappe hinunter. „Warum eigentlich das Nordkap, Herr Feldtmann? Warum nicht was Warmes?“

„Ich möchte einfach mal wohin, wo alles weiß ist. Keine Ölpfützen, kein Ruß, keine stinkenden Gullis. Außerdem, es muss ja nicht jeder Wunsch einen Sinn haben.“

„Na dann, ganz viel Glück dabei. Vielleicht klappt es ja demnächst, schließlich ist bald Weihnachten.“

Philipp verließ das Gelände endgültig und beschloss, die ersten Stationen zu Fuß zu gehen. Er hatte es ja nicht eilig. Vielleicht nie mehr. Ein bisschen mehr Abschied hätte er sich schon gewünscht, aber nicht erwartet. Nach fünfundzwanzig Dienstjahren hatte er immerhin eine Urkunde und eine Prämie von hundertfünfzig Mark bekommen. Davon hatte er sich beim Antiquitätenhändler den kleinen Schreibtisch gekauft, an dem er seine Figuren schnitzte, Krippenfiguren und Tiere, die er an Kollegen und Nachbarn verteilte, wenn er ihnen eine kleine Freude machen wollte. Er war kein geselliger Mensch, und so hatte es ihn auch nicht erstaunt, dass nur Werner aus dem zweiten Stock ihm heute Morgen auf die Schulter klopfte und alles Gute wünschte. Eigentlich hätte er eine Runde Pizza schmeißen müssen. Stattdessen hatte er kleine geschnitzte Engel in die Fächer der Kollegen gelegt. Davon würden sie länger was haben.

Er war eben nicht bedeutsam in dem riesigen Amtsgebäude. Als junger Mann wurde er mal in dieser, mal in jener Abteilung eingesetzt, und weil er so ordentlich und gewissenhaft war, landete er schließlich im Archiv. Man war dankbar dafür, dass er jede Akte, die gebraucht wurde, sofort fand. Doch er war sich bewusst, dass auch jeder andere diese Aufgabe hätte übernehmen können. Das hieß nicht, dass er unzufrieden war. Aber dieses eine Mal, dachte er, hätte er sich gewünscht, dass man ihm irgendeine Anerkennung überreicht hätte, irgendetwas, das ihn ein Lächeln lang aus der bienenschwarmgleichen Masse heraushob.

Egal, nun war es vorbei. Philip schlug den Weg über den Trödelmarkt ein, auf dem er schon manchmal eine alte Vase oder einen Bilderrahmen erstanden hatte. Wer weiß, wann er wieder in diese Gegend kam.

Am dritten Stand fing ein Glänzen seinen Blick, und er blieb stehen. Zwischen einem Haufen Halsketten aus Plastik und einem Plüschhund, der ein deutliches Hüftleiden hatte, spiegelte sich in etwas Aufrechtem, Rundem die Lichterkette, die die Händler zwischen die kahlen Bäume durch das Wintergrau gespannt hatten. Philip trat näher. Es war ein Pokal. Irgendein Pokal auf einem Sockel, auf dem etwas eingraviert stand. Er zog die Hand aus der Wärme seiner Anoraktasche und fuhr mit dem Finger darüber. Nachdem er sonst immer nur mit Papier und Holz hantierte, tat ihm die Berührung mit dem glatten, kühlen Metall plötzlich seltsam wohl. Darin spiegelte sich nicht nur die Lichterkette, sondern die gesamte Umgebung, nur stand sie auf dem Kopf. Philip konnte auch sein eigenes umgekehrtes Gesicht darin erkennen.

So etwas zum Beispiel hätten sie ihm doch überreichen können für fast ein halbes Jahrhundert Dienst, dachte er und lächelte über sich selbst.

„Für Sie – elf Euro“, sagte der Händler hinter seinem Schal hervor.

Philip dachte an die Worte Herrn Feldtmanns. Es muss ja nicht jeder Wunsch einen Sinn haben.

„Neun“, sagte er zu dem Händler.

Als Philip weiterging, den Markt hinter sich ließ und am Kanal entlang an frierenden Enten vorbei zur nächsten Bushaltestelle lief, trug er den in einen Lappen gewickelten Pokal, der in seiner Hand angenehm schwer wog wie ein Anker, der ihn hielt. Für einen Moment wollte er sich einfach einbilden, wichtig zu sein. Es war sein Weihnachtsgeschenk an sich selbst. Ein wenig verfrüht vielleicht, denn übermorgen war der erste Advent. Aber er war ein freier Mann. Er konnte tun, was er wollte. Und darüber, was er wollte, hatte er schon lange nicht mehr nachgedacht. Im Moment wollte er sich eben einen Pokal schenken, zur Belohnung für den jahrzehntelang bewältigten Alltag. Es war ein Spiel. Der Ernst des Lebens lag hinter ihm, wieso also sollte er nicht ausnahmsweise etwas Lächerliches tun.

„Wo haben Sie den her?“, hatte er den Händler gefragt.

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Der Rollbaum

Patricia Koelle Der Weihnachtswind

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Der Rollbaum


Wenn im Dezember ein klarer Tag kommt, an dem die Welt winterhimmelblau leuchtet, dann sehen die Nachbarn in der Kranichstraße öfter aus dem Fenster als sonst. Sie wissen, dass an einem solchen Tag Johannes seine Weihnachtsmannmütze aufsetzt, seine Frau ruft und mit seinem Rollstuhl losfährt, um den Weihnachtsbaum zu holen.

Eine Krankheit hat Johannes die Schritte gestohlen, obwohl er noch jung ist. Aber zu seinem Weihnachtsbaum kommt er trotzdem. Dieser Baum soll mindestens so groß sein wie Johannes, wenn er aufrecht stünde. Und Johannes ist kein kleiner Mann. Innen ist er sogar noch größer. Vielleicht wird der Baum deswegen jedes Jahr ein Stückchen höher.

Der Elektromotor vom Rollstuhl brummt, als hätte sich eine Hummel aus dem Sommer verirrt, und unter den Reifen knirscht der Schnee. An den Bordsteinkanten muss Johannes vorsichtig sein und rückwärts fahren, sonst kippt der Stuhl um. Manchmal muss er auch Umwege fahren. Aber egal wie lang es dauert, Johannes kommt an. Der Baumverkäufer freut sich schon, wenn er ihn von weitem sieht.

Johannes fährt auf den Platz voller Bäume und dreht sich ein paarmal schweigend im Kreis. „Der da“, sagt er dann und zeigt auf einen, der ganz weit hinter den anderen am Zaun lehnt.

Der Verkäufer zieht den Baum heraus. „Stimmt“, sagt er anerkennend, „das ist der Schönste. Aber ist der nicht zu groß?“

„Der ist zwei Meter vierzig“, sagt Johannes, „der passt genau!“

„Der ist mindestens zwei achtzig“, sagt der Verkäufer und zieht den Zollstock aus der Tasche. Dann schüttelt er den Kopf, denn der Baum ist auf den Zentimeter genau zwei Meter vierzig hoch.

Johannes strahlt.

„Wie kommt der Baum jetzt nach Hause?“, fragt der Verkäufer, obwohl er die Antwort kennt. Er hört sie so gerne.

„Das macht mein Mann“, sagt Johannes’ Frau stolz.

Der Verkäufer stellt den Baum zwischen Johannes’ Füße auf die Stützen, und Johannes rollt los. „Frohe Weihnachten“, wünscht er. Es klingt undeutlich, denn er hat ja den Baum vor dem Gesicht. Seine Nase steckt mitten im grünen Duft und die Nadeln kitzeln ihn an der Stirn.

Der Baumverkäufer sieht dem Rollstuhl nach und auf einmal kommt ihm seine Arbeit nicht mehr so schwer vor, trotz der kalten Füße und der langen Stunden.

Johannes kann nicht sehen, wo er hinfährt, und darum rennt seine Frau hinter ihm her und brüllt „Rechts!“ und „Stopp!“ und „Links!“. Seine Finger am Hebel, mit dem er lenkt, werden steif, denn der Baum ist voller Raureif. Doch das ist Johannes’ schönste Fahrt im Jahr.

An der Ampel stehen die Autos, und die Fahrer vergessen ihren Ärger und ihre Ungeduld, wenn Johannes vor ihnen die Straße überquert. Das heißt, von Johannes sehen sie nichts.

„Schau, Mami“, rufen die Kinder, „da fährt ein Weihnachtsbaum, ganz alleine!“

Wie ein stolzes Segel biegt der Weihnachtsbaum in die Kranichstraße ein und verschwindet im Haus.

Und die Nachbarn kehren an ihre Arbeit zurück mit dem Gefühl, dass heute etwas Gutes und Besonderes geschehen und ihre Welt in Ordnung ist.

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Das Jesuskind in der Rumpelkammer

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Das Jesuskind in der Rumpelkammer


Merrit hantierte gerade ganz hinten in der winzigen Kaffeeküche, als sie die Ladentür hörte. Sie ahnte sofort, dass etwas geschehen war, denn in dem vertrauten Klingelton klang plötzlich etwas Dunkles.

„Merrit?“

„Hier! Komm rein, Kaffee ist gerade fertig.“

Sie wusste schon, was kam, als sie ihn sah, wie er sich unter dem Türrahmen hindurchduckte. Es war, als wolle er sich gar nicht wieder aufrichten.

„Jetzt ist es so weit“, sagte er. „Die Klempnerei ist pleite. Der Meister hat mich gefeuert.“ Niko sagte nicht dazu, dass er genau gesehen hatte, wie sein gestrenger, jähzorniger Meister sich dabei eine Träne an den öligen Ärmel gewischt hatte. Das konnte er selbst kaum glauben.

„Trink erst mal.“ Sie reichte ihm den heißen Kaffee und fühlte sich hilflos. Es war ja keine Überraschung. Schon lange hatte sie begonnen, sich nach einem anderen Job für Niko umzusehen. Aber das war eben beinahe unmöglich in dieser kleinen Stadt, in der fast die Hälfte der Menschen arbeitslos war. Überall standen Läden leer und wurden von Schimmel und Einsamkeit besetzt.

Sicher, sie hatten zusammen überlegt, ob sie fortziehen sollten wie so viele, die behaupteten, Rapsfelder gäbe es überall. Aber Merrit und Niko wollten die Rapsfelder, die sie kannten, wollten das Tal mit den Burgruinen, in denen sie einmal gespielt und sich gegruselt hatten und die wie vertraute alte Zähne auf den Hängen standen. Sie wollten Heimat. Andere lachten darüber, fanden das altmodisch, ihnen aber war es ernst.

Merrit arbeitete vormittags im Kindergarten und widmete sich nachmittags ihrem Fernstudium. Vor einigen Monaten hatte sie das große Glück gehabt, dass ein Verrückter ausgerechnet hier eine Galerie eröffnete. Anscheinend hofften Martin Ostertag und seine Silvana auf die Sommertouristen, oder sie hatten genug Vermögen und wollten sich einfach nur einen Traum erfüllen in dem alten Hof, den sie liebevoll renoviert und schließlich bezogen hatten. Die Galerie bestand aus einigen verschachtelten Räumen, in welchen jeweils ein Künstler für einen Monat eine Ausstellung bekam. Früher war hier eine Werkstatt gewesen. Martin Ostertag hatte die rauen Backsteinwände einfach weiß getüncht und hier und da in den Ecken Scheinwerfer angebracht, so dass die Kunstwerke gespenstische Schatten warfen und auf den Unebenheiten an den Wänden seltsame Formen zeichneten. Merrit hatte die Aufgabe, nachmittags anwesend zu sein, falls jemand sich die Werke ansehen oder gar eines kaufen wollte. Meist kam niemand, und sie saß in der Kaffeeküche und lernte. Diesen Monat fiel es ihr allerdings schwer, denn die aktuellen Kunstwerke waren sehr eigenartig. Sie konnte sich in ihrer Gegenwart nur schwer konzentrieren. Es handelte sich um Gebilde aus Kunststoffröhren, die sich wanden, als seien sie in einer Pein erstarrt; und aus irgendeinem Grunde hatte der Künstler sie mit rosa gefärbten Kieseln bestückt. Zwischen ihnen und den dramatischen Schatten fühlte sich Merrit als das, was sie hier war: eine Nebensache. Darum war sie jedes Mal froh, wenn Niko vorbeikam und sie in den Arm nahm. Dann wusste sie wieder, dass sie lebte und damit den Kunstwerken einiges voraushatte.

Aber Leben kostete Geld, und Nikos Lohn würde ihnen schmerzhaft fehlen. Und das war nicht das einzige Problem.

In ihren Händen wurde der Kaffee kalt und das Schweigen baute sich auf. „Bis Weihnachten kommen wir über die Runden“, sagte Merrit schließlich. „Und im neuen Jahr finden wir was. Ganz sicher.“

Allerdings war erst Anfang November. Lange würde Niko es nicht ohne Arbeit aushalten. Er war keiner, der tatenlos herumsitzen konnte. Seine Mutter hatte behauptet, in seinen Adern flösse Quecksilber und in seinem Gehirn wohne ein Flohzirkus.

Außerdem war für Januar eine Mieterhöhung angekündigt. Die Aussichten schienen so grau wie das Wetter. In Merrit kroch eine kalte Angst hoch. Keine Arbeit für Niko würde einen Umzug bedeuten. Es würde bedeuten, dass es doch nichts damit wurde, in der Heimat zu bleiben. Es könnte sogar bedeuten, dass ihre Beziehung verlorengehen würde. Sie kannten sich seit sie Kinder waren, aber kannten sie sich gut genug für anderswo?

Niko sah sich düster um. „Sag mal, kann der Künstler von diesem Zeug eigentlich leben?“

„Also, verkauft habe ich noch nichts. Ich glaube, er ist außerdem Apotheker.“

In diesem Moment ging die Türglocke erneut. „Ein Kunde“, sagte Merrit und eilte nach vorn.

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Was der Weihnachtself suchte

Patricia Koelle Der Weihnachtswind

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Patricia Koelle
Was der Weihnachtself suchte


Der Winter war kälter als alle, an die sich irgendjemand erinnern konnte. Durch die alten Fensterrahmen pfiff der frostige Wind, und die Sonne wollte morgens gar nicht aufstehen. Kurz vor Weihnachten verlor Tanja auch noch ihre Arbeit. Sie hatte in einem Laden Kleider verkauft, lange Kleider aus Samt und Brokat für ganz besondere Gelegenheiten. Doch nun hatten die Menschen kein Geld mehr für feine Kleider. Viele hatten keine Arbeit, und dabei kostete es immer mehr, die Wohnungen warm zu halten.

„Was machen wir denn jetzt, Mama?“, fragte Kerstin. Sie war gerade acht Jahre alt geworden, und weil es in ihrer Familie keinen Papa mehr gab, waren Tanja und sie es gewohnt, auf Probleme zusammen eine Antwort zu finden.

„Ich habe eine Idee“, sagte Tanja und sah hinaus in den Schnee, der sich wie ein Pelzkragen um das Fenster setzte. „Im Laden habe ich gesehen, dass viele Frauen sich teure Handtaschen ansehen. Sie drehen sie hin und her, fassen hinein, streicheln sie und wünschen sich, dass sie einmal mit einer so wunderschönen Handtasche ausgehen können. Aber ihr Geld reicht meistens nur für ein Kleid, wenn überhaupt. Nicht auch noch für eine Handtasche. Sie legen sie traurig wieder hin und gehen nach Hause.“

Kerstin stellte sich das vor. „Das ist aber schade, Mama.“

Tanja ging zu ihrem Schrank und zog eine Schublade auf. Kerstin sah hinein und entdeckte grünes Seidenpapier. Sie schnupperte.

„Was so gut riecht, ist feines Leder“, erklärte Tanja und nahm das Seidenpapier vorsichtig weg. Darunter lag eine Tasche aus weichem blauem Leder mit silbernen Knöpfen daran und einem kleinen, funkelnden Stein an einem Reißverschluss. „Die habe ich vor sehr langer Zeit zu Weihnachten bekommen.“

Kerstin strich vorsichtig über die Tasche. „Wie von einer Prinzessin.“

„Siehst du, und es gibt viele Frauen, die sich für einen Abend gern wie eine Prinzessin fühlen würden“, sagte Tanja.

„Wie Aschenputtel?“

„Ja, so ähnlich. Und deshalb werde ich jetzt eine Annonce für die Zeitung schreiben und fragen, ob nicht jemand meine Tasche mieten möchte. Das ist viel billiger als kaufen.“

Tanja hatte oft verrückte Ideen und sehr oft wurde nichts daraus. Darum waren sie und Kerstin überrascht, wie viele Menschen sich meldeten. Da gab es Frauen, die für einen Weihnachtsball ein wunderschönes blaues Kleid gekauft hatten und nun noch eine Tasche dazu brauchten. Andere konnten sich kein neues Kleid leisten und dachten, sie würden sich in dem alten besser fühlen, wenn sie wenigstens eine schöne Tasche dazu hätten. Auch Männer riefen an, für die ein richtiges Geschenk zu teuer war, die ihrer Frau aber wenigstens für einen Abend eine Freude machen wollten.

Also wickelte Tanja die Tasche in das Seidenpapier, packte sie vorsichtig in einen schönen Karton und schickte sie immer wieder auf die Reise. Nach drei oder vier Tagen kam die Tasche in demselben Karton wieder zurück. Oft lag eine Karte dabei, auf der stand: „Danke, ich hatte einen wundervollen Abend.“

„Wieso wundervoll?“, wollte Kerstin wissen.

„Weil für sie der Abend voller Wunder war, denn sie haben sich gefühlt, als hätten sie Glück“, sagte Tanja. „Sie fühlten sich schön und so, als wäre alles möglich, weil sie eine Tasche trugen, wie sie sie sonst nie haben. Sie haben ihre Sachen darin aufbewahrt, ihr Taschentuch, ihren Kamm, ihren Schlüssel, und da war es ein bisschen so, als ob sie ihr Leben ganz neu verpackt hätten. Und weil sie wussten, dass sie die Tasche nicht behalten konnten, war es etwas ganz Besonderes für sie.“

Dafür, dass sie Tanjas Tasche leihen durften, zahlten die Menschen Miete. Es war nicht viel, aber die Tasche wurde so oft ausgeliehen, dass Tanja von dem Geld eine zweite, rote Tasche kaufen konnte, und dann eine weiße und schließlich eine schwarze mit goldenen Streifen. Sie kaufte große Taschen und kleine Taschen und sogar Taschen für Männer, und alle wurden sie immer wieder ausgeliehen, so dass Kerstin jeden Tag half, mit dem Fahrrad die Pakete zur Post zu bringen. Das ging prima, weil leere Taschen ja ziemlich leicht sind.

Als das Jahr um und schon beinahe wieder Weihnachten war, konnten sie inzwischen von all dem Geld die Miete bezahlen und die Heizung und das Licht und das Telefon und was man sonst so alles braucht. Es ging ihnen richtig gut. Nur eines wunderte sie.

Jedes Mal wenn die Taschen zurückkamen waren sie ein bisschen schwerer als vorher, obwohl sie leer waren und auch nicht schmutziger als beim Wegschicken, denn die Leute gingen sehr vorsichtig damit um. Tanja fasste immer verblüfft in jedes kleine Seitenfach, weil sie dachte, der Benutzer müsste etwas darin vergessen haben. Aber da war nichts. Tanja wog die Taschen schließlich auf der Küchenwaage, die sie sonst für das Mehl brauchte, wenn Kerstin und sie Plätzchen backten. Sie dachte, sie bilde sich das Gewicht nur ein. Aber die Taschen waren tatsächlich jedes Mal ungefähr neunundzwanzig Gramm schwerer. Kerstin war das richtig unheimlich.

Am vierten Advent holte Tanja wieder eine Tasche aus einem Paket. Sie war besonders schwer. Tanja drehte sie um und schüttelte sie heftig, aber es war nichts darin. „Der Himmel weiß, woher das kommt!“, rief sie.

Plötzlich hörte Kerstin draußen auf dem Fensterbrett ein Rascheln. Sie schob die Gardine beiseite, und als sie das Fenster öffnete, schwirrte etwas an ihr vorbei und landete auf dem Regal. „Der Himmel weiß es wirklich“, sagte eine Stimme, die hell und klar war wie die Winterluft.

Kerstin schob ihre Hand schnell in Tanjas. Auch Tanja war ganz erschrocken einen Schritt zurückgetreten und hatte die Tasche fallen lassen.

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Der heilige Strohsack

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Patricia Koelle
Der heilige Strohsack


Ich lag mit einer Grippe im Bett und starrte missmutig auf den Adventskranz. Es war noch zu hell, um die Kerzen anzuzünden. Aber aus dem Fenster sehen wollte ich nicht, denn draußen im Garten war es so kalt und grau wie in meinen Gedanken.

Doch plötzlich erschien mein Großvater auf der Terrasse, winkte mir zu und stellte polternd drei Sträucher in Töpfen genau in mein Blickfeld. Und das Erstaunliche war: sie blühten! Einer gelb, einer rosa und einer sonnig orange. Dabei hatten wir minus sieben Grad. Aber mein Großvater musste wissen, was er tat. Er war leidenschaftlicher Gärtner.

Kurz darauf kam er mitsamt der Kälte ins Zimmer und füllte es mit seiner vertrauten Bassstimme. „Winterjasmin, duftender Schneeball und Zaubernuss“, erklärte er, während er sich aus seinem scheinbar endlosen Schal wickelte. „Die meisten Leute wissen nicht, dass es hier Pflanzen gibt, die mitten im Winter blühen.“ Er fixierte mich streng mit seinen immer noch frühlingshimmelblauen Augen. „Willst du wissen, was es mit ihnen auf sich hat? Du siehst aus, als könntest du eine Geschichte gebrauchen!“

Geschichten waren schon immer sein Allheilmittel für alles gewesen. Ich fühlte mich auf einmal wieder behaglich siebenjährig und rollte mich unter meiner Decke zusammen.

„Oh ja, erzähl!“, bat ich.

„Es ist eine sehr alte Geschichte“, sagte er und ließ sich auf dem Schreibtischstuhl nieder, der unter seinem Gewicht wirkte wie ein Kindermöbel. Er lehnte sich bequem zurück und hakte die Daumen in seine Hosentaschen.

„In jenen lang vergangenen Wintertagen kamen nicht nur die Weisen aus dem Morgenland in den Stall von Bethlehem. Auch ganz oben im Norden gab es weise Männer.“

Großvaters Stimme, die für mich die Welt schon immer erschüttern, aber auch heilen konnte, trug mich in eine andere Zeit.

„Haikki und sein halbwüchsiger Sohn Rinja kamen aus einem Land, in dem das Leben und die Farben den größten Teil des Jahres unter einer gleichgültigen Schneedecke begraben lagen, die dick war wie die Speckschwarte eines Eisbären, und wo die Tage fast nur einen Atemzug dauerten, während die Nächte kein Ende fanden. Die beiden hatten eine sehr lange und lehrreiche Reise hinter sich.

Immer wieder hatte Haikki von Palmen geträumt und vom Stern von Bethlehem, und die Träume hatten ihn geführt.

Die Geschichte jener Nacht, als das Jesuskind geboren wurde, kennt jedes Kind. Jährlich wird erzählt von den Engeln und von den Hirten und von den Heiligen Drei Königen und ihren Geschenken. Aber kaum jemand weiß heute, dass auch Haikki damals unter den Hirten stand und andächtig auf das Jesuskind schaute und dass Rinja mit angehaltenem Atem die winzige Hand berühren durfte, ehe Haikki ihn nach draußen zu den Hirtenkindern schickte, damit es um das Jesuskind nicht zu laut wurde.

Haikki saß in dieser Nacht eine Weile bei Josef und Maria, die vor Müdigkeit nicht schlafen konnten, und erzählte ihnen vom Norden, von dem weichen hellen Schnee, unter dem sein Land träumte. Das kühlte ihre Sorgen und ließ sie ein wenig zur Ruhe kommen.

Rinja schlief hinter dem Stall unter den Palmen, in eine Decke gewickelt und mit seinem Rucksack als Kopfkissen. Er sah den Stern von Bethlehem groß und nahe, und der Wind flüsterte in seinen Ohren und erzählte von Wundern. Dabei duftete es so dicht nach Oleander und Orangenblüten, als könnte er den Geruch berühren.

Sehr früh am Morgen, als gerade die erste pfirsichfarbene Dämmerung hinter dem Horizont hervorschlich, erwachte er und sah Maria aus dem Stall treten. Sie bat Rinja leise, er möge doch ein neues Bündel Stroh aus der nahen Scheune holen, damit sie dem Jesuskind ein frisches Lager bereiten könne. Sie traue den Läusen und Flöhen nicht, sagte sie, ob die das Jesuskind von anderen Kindern unterscheiden könnten, außerdem habe es in der Nacht geschwitzt.

Rinja beeilte sich, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

Maria hielt das schlafende Kind auf dem Arm, während Rinja sorgfältig das Stroh in der Krippe auswechselte. Dem Jesuskind schien das zu gefallen, denn als Maria es wieder hinlegte, streckte es sich und gähnte mit einem Schmunzeln im Mundwinkel ohne aufzuwachen.

Rinja nahm das alte Stroh mit hinaus. Er konnte keine Flöhe oder Läuse entdecken, und sehr nass geschwitzt kam es ihm auch nicht vor. Er trocknete es vorsichtig auf einem flachen Stein in der Morgensonne. Danach stopfte er damit seinen Rucksack aus. Da er kaum etwas besaß, war viel Platz darin, und das Stroh wog ja so gut wie nichts.

Auf seiner beschwerlichen Reise nach Hause hatte er nun ein weiches Kissen, und sein Kopf ruhte auf dem Stroh, auf dem das Jesuskind geschlafen hatte, und ihm war, als hätte er nie zuvor Träume gehabt, die so voller Licht waren. Rinja trug einen Schatz mit sich, von dem niemand etwas ahnte. Kein Räuber würde ihn stehlen. Es war ja nur altes Stroh.

Die Zeit brachte den Frühling, dann den Sommer und den Herbst. Haikki und Rinja wanderten nach Norden. Als sie ihr Land erreichten und sich schließlich ihrem Dorf näherten, lag bereits wieder Schnee. Am Himmel spielte das Nordlicht.

In der nächsten Zeit fand Haikki wenig Schlaf, denn alle saßen jeden Abend um sein Feuer bis weit über Mitternacht. Haikki musste vom Süden erzählen, von Josef und Maria und dem Jesuskind, aber auch von den fremden Häusern und Ernten und Sitten, während draußen über dem Fjord ein Orkan tobte und das Eis bedrohlich auf dem Dach knackte.

Rinja saß bei seiner Großmutter und erzählte auf seine Art. Sie war schwach geworden während seiner Abwesenheit und litt unter Kopfschmerzen, doch Rinja fertigte ihr eine Nackenrolle aus einem alten Gewand und einem Teil des Strohs, auf dem das Jesuskind geschlafen hatte. Es ging ihr schon am nächsten Tag besser, und sie nahm seine Hand und versicherte ihm, ein schöneres Geschenk hätte er auf der ganzen Welt nicht finden können. Einmal träumte sie sogar von den Palmen, die sie nie gesehen hatte, und von dem Stern von Bethlehem, der so groß und so nahe war, und ihr war, als hätte sie eine Hand auf ihrer Stirn gespürt, so dass ihr warm und leicht zumute wurde.

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Der Weihnachtswind

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Der Weihnachtswind


„Betrachten Sie es als Weihnachtsgeschenk“, hatten sie vor zehn Tagen zu ihm gesagt. Und jetzt war er draußen im Leben gelandet, ausgerechnet am Heiligen Abend, drei Monate früher als er gerechnet hatte. Stand mit einem Beutel Sachen bei seiner flippigen Tante Mirjana vor der Tür und fand es seltsam zu klingeln. Wann hatte er das letzte Mal bei jemandem geklingelt? Er war es nicht gewohnt, dass sich eine Tür öffnete, wenn er es wollte.

Merkwürdig sah das Haus aus. Klein, und die Fenster so nackt. Erst beim zweiten Blick fiel ihm auf, dass keine Gitter davor waren. Keine Gitter und kein Lochblech. Im Knast hatten sie das Lochblech zusätzlich vor dem Gitter befestigt, um das Pendeln zu unterbinden. Die Häftlinge hatten Mitteilungen, Zigaretten und andere verbotene Dinge um Haarbürsten oder Seifenstücke gebunden und an Bindfäden vor dem Fenster hin- und hergeschwungen, bis der Mann in der Nebenzelle das Pendel greifen konnte. Durch das Lochblech aber konnte man gerade noch eine Kippe drücken. Ihm war es egal, er hatte mit den anderen sowieso nicht viel am Hut, und die Aussicht auf Mauern und Schornsteine war ohne Blech auch nicht schöner als mit. Da betrachtete er lieber das Bild vom Meer, das er aus einer Zeitschrift gerissen und mit Zahnpasta an die Wand geklebt hatte, um das müde Altweiß der Ölfarbe ein wenig aufzumuntern.

An Tante Mirjanas knallgrüner Haustür hing ein Engel aus Stroh, der ein Schild mit der Aufschrift „Frohe Weihnachten“ in den Armen hielt. Es gab keinen Riegel, und das Holz sah aus, als würde ein Fußtritt genügen, um sie zu Staub zerfallen zu lassen.

Noch immer hatte er nicht geklingelt. Stand da Auge in Auge mit dem Engel und dachte über das Wort „froh“ nach. War er froh?

Er hatte sich ein Taxi genommen. Die Stadt war ihm fremd geworden und er wollte sich nicht in einen Bus setzen, als wäre das Alltag für ihn. Als er aus dem Tor getreten war und an der Straße stand, war ihm, als schwanke der Boden. Jetzt ging es ihm schon besser. Er streckte die Hand aus und stupste den Engel an, fuhr mit dem Zeigefinger über die alberne, verschnörkelte Klinke.

Die Tür seiner Zelle hatte anders ausgesehen. Grau, mit einem Spion, einem Schloss und einem schweren Riegel. Beim Tagverschluss wurde der Schlüssel nur einmal im Schloss gedreht, nachts zweimal, und nachts wurde auch der Riegel zugeschoben.

An der Tür stand sein Name, Maiko Sonnenborn. An manchen Türen klebten neben den Namen farbige Punkte. Rot für selbstmordgefährdet, Grün für gewaltbereit. An seiner Tür war kein Punkt. Maiko fiel durch nichts auf. Er fiel sich ja selbst nicht mehr auf, er war nur irgendeiner zwischen anderen. Es war gar nicht so furchtbar im Knast, wie draußen im Allgemeinen angenommen wurde. Man war versorgt, und die Zeit verging eben, nur die Tage schienen immer mehr an Farbe zu verlieren, so wie seine Gedanken. Für andere war es schlimmer, für die, die Familie hatten und nur alle vierzehn Tage Besuch bekommen durften. Maiko war noch zu jung gewesen für Familie, gerade zweiundzwanzig, als sie ihn eingebuchtet hatten. Seine Mutter hatte er nie gekannt, und als sein Vater in einer stürmischen Winternacht in seinem überladenen Kleinbus eine Leitplanke durchbrach und von einer Brücke stürzte, kam Maiko ins Heim. Es gab also in den ersten Jahren im Knast niemanden, auf den er alle zwei Wochen wartete. Später, als Tante Mirjana von seinem Aufenthaltsort erfahren hatte, kam sie gelegentlich vorbei, wenn es ihr gerade einfiel. Sie war nicht mehr jung und ohnehin schusselig, aber sie meinte es gut. Nur kannten sie sich kaum.

Die Arbeit in der Gefängnisgärtnerei war es vielleicht, die ihn die Jahre gut ertragen ließen. Er pikierte Salat, Mohrrüben und Radieschen und beobachtete Ameisenvölker, denen Zäune und Mauern nichts bedeuteten. Außerdem fertigte er Grabgebinde, die nach draußen verkauft wurden, und überlegte dabei, für welche Menschen sie wohl bestimmt waren und ob sein Vater auch so eines bekommen hatte.

Das Schlimmste war die Langeweile nach der Arbeit, wenn er auf dem Bett lag und auf das Bild von den tobenden Wellen oder an die Decke starrte, oder das einzige interessante Abenteuerbuch aus der veralteten Gefängnisbibliothek zum x-ten Male las. Eigentlich hatte er es nur ausgeliehen, um darin die Blüten und Blätter zu pressen, die er bei der Arbeit in der Gärtnerei mitgehen ließ. Wenn sie trocken waren, legte er daraus Bilder auf den Boden und stellte sich vor, es wäre eine Wiese ohne Wände drumherum. Er war dankbar für seine Einzelzelle, denn hätten ihn die anderen bei diesem Spiel erwischt, wäre er verloren gewesen.

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