
Patricia Koelle Der Weihnachtswind
Patricia Koelle
Liljas Lichter
Es ist der Tag, an dem die Adventskalender und das Warten zu Ende sind. Doch seit Lilja das vierundzwanzigste Türchen geöffnet hat, hat dieser Tag tief eingeatmet und sich zu einem Berg aufgeblasen, so dass man nicht vom Mittag bis zum Abend sehen kann. Und über diesen Berg muss Lilja ganz alleine. Sie ist einsam heute, so einsam, dass es ihr Angst macht.
Lilja hat vier Geschwister. Alle sind älter als sie und können Dinge, von denen man ihr verspricht, dass sie sie auch können wird. Irgendwann. Wenn die Zeit so weit ist. Die Zeit ist ihr ein Rätsel und im Moment gehört sie nicht zu ihren Freunden.
Sie stellt sich die Zeit vor wie die schwarzen Schallplatten, die ihre Geschwister ständig auf der Maschine mit der spitzen Nadel abspielen. Sie darf sie nicht anfassen, wenn niemand dabei ist. Denn die Platten sind zerbrechlich. Genau wie die Zeit, in der ständig Dinge verschwinden und nicht wiederkommen, so wie das Vorlesen am Abend, das keiner mehr für nötig hält, seit Lilja lesen gelernt hat.
Mit den Platten kann man die Zeit auch messen. „Wenn die Platte zu Ende ist, musst du ins Bett“, sagt dann Sonja, ihre Schwester.
Das Komische ist, dass die Musik klingt wie Licht und Farben, aber die Schallplatten sind furchtbar schwarz, und sie bleiben auch schwarz, auch dann, wenn die Nadel arbeitet und die unsichtbare Musik findet und in die Luft wirft. Und wenn die Nadel in der Mitte angekommen ist, ist Stille, und von der Musik bleibt nichts übrig.
Lilja überlegt, was passiert, wenn sich die Zeit einmal zu Ende gedreht hat. Ist dann da auch nur noch Stille und das Loch in der Mitte? Doch ihr ganz großer Bruder Leo sagt, das wird nicht passieren, solange es Lilja gibt. Leo kann sie immer beruhigen, ganz gleich was passiert. Schon weil er so breite Schultern hat und sie hochheben kann, als wäre sie nur ein federleichtes Flaumknäuel, wie die Küken, denen sie im letzten Sommer beim Schlüpfen zugesehen hat. Mit Leo ist alles leicht.
Aber Leo ist nur noch selten da. Und auch Sonja und Lisa und Felix kleckern nur noch stundenweise durch Liljas Tage. Beim Essen bleiben immer mehr Stühle leer. „Die Großen haben zu tun“, sagt Liljas Mutter.
Lilja war einmal unartig, als Sonja und Lisa über ihre Hefte gebeugt saßen und sie einfach nicht beachten wollten. Die Nadel kratzte die Musik so laut aus der Schallplatte, dass sie Liljas Worte nicht einmal hören konnten. Da hat Lilja kleine Papierkügelchen auf die Platte fallen lassen. Sie wollte sehen, ob man die Zeit bremsen kann oder Dinge hineinmogeln. Doch die Papierkügelchen haben der Musik nichts ausgemacht. Sie sind einfach immer näher an den Rand gerollt und dann von der Platte geflogen, um in irgendeiner Zimmerecke zu verschwinden. Lilja hat sie gar nicht mehr wiedergefunden.
Die Zeit kann man also nicht beschummeln.
Und Lilja hat das Gefühl, dass Leo und Sonja und Lisa and Felix einer nach dem anderen aus ihrer Zeit fliegen und verschwinden werden – genau wie die Kügelchen.
Aber heute ist Weihnachten, und darum sind ausnahmsweise alle da, und Lilja ist eigentlich glücklich.
Trotzdem ist sie einsam, denn die Großen sind alle in ihren Zimmern und furchtbar damit beschäftigt, Dinge zu können und mit wichtigem Rascheln Geheimnisse einzupacken. Liljas Päckchen sind schon seit Tagen fertig. Sonja hat ihr dabei geholfen. Und nun hat sie nichts zu tun.
Sie hockt sich in ihr Puppenhaus. Das haben Leo und Sonja im letzten Jahr für sie gebaut, damit sie mit den Puppen spielen kann und nicht alleine ist, wenn die anderen aus der Zeit fliegen. Mit Puppen kann sie nicht viel anfangen, denn sie machen keine Fahrradausflüge mit ihr oder Wasserschlachten oder Schneemänner. Aber das Haus ist toll. Es ist gerade so groß, dass Lilja hineinkriechen und die Türen hinter sich zuklappen kann. Und weil sowieso nur Lilja hineinpasst, merkt sie da drin nicht so, dass sie alleine ist. Allerdings kommt kaum Licht herein, denn die Fenster sind klein.
Nun sitzt sie im Dunkeln, lauscht auf die eiligen Schritte draußen und die Stimmen aus den Zimmern, in die sie wegen der Geheimnisse nicht darf. Sie wartet darauf, dass der aufgeblasene Tag wieder ausatmet und sie den Abend sehen kann, in dem das Kerzenleuchten sein wird und das Lachen von allen, die wieder zusammen sind.
Sie zuckt zusammen, als Leos Stimme an der Puppenhaustür klopft. „Lilja, mach auf, hier ist etwas für dich, vom Christkind.“
„Jetzt schon?“
„Ja, das geht nicht später.“
Er hat einen Blumentopf in der Hand. In dem Topf wächst ein Tannenbaum, ein richtiger, echter Baum mit grünem Duft und pieksigen Nadeln. Er reicht Lilja bis zum Knie. „Du hast doch nachher keine Zeit für deine Puppenkinder, weil Weihnachten ist“, sagt Leo. „Deswegen müsst ihr jetzt euer Weihnachten feiern, und darum machen wir aus diesem Baum jetzt einen Weihnachtsbaum.“
Er hat eine winzige Lichterkette dabei und hilft Lilja, sie an den Zweigen zu befestigen, so dass die bunten Glaskerzen aufrecht stehen und jeder kleine Zweig eine bekommt.
Dann zieht Leo das Kabel durch das Küchenfenster vom Puppenhaus und steckt es in die Steckdose.
„Oh, wie schön!“, jubelt Lilja.
Leo überreicht ihr eine Schachtel. „Die Kugeln und Sterne musst du selber an den Baum hängen“, sagt er. „Es ist ja dein Weihnachtsbaum, und ich muss jetzt wieder dem Christkind helfen.“
Noch nie hat Lilja einen eigenen Weihnachtsbaum gehabt. Sie wusste gar nicht, dass sie so wichtig ist.
Die Puppenkinder sind nicht besonders interessiert an dem Baum. Aber für Lilja ist er fast das schönste, was sie je gesehen hat. Sie macht die Tür vom Haus wieder zu, und nun ist es nicht mehr dunkel, sondern leuchtet in allen Farben, und die Zweige flüstern Schatten an die Wand. Ehrfürchtig öffnet sie die Schachtel und hängt die zarten Glaskugeln an die Äste wie Seifenblasen.
…
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Patricia Koelle
Der Weihnachtswind
ISBN 978-3-93993701-2
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